Sonntag, 1. März 2015

Die Vergangenheit der Zukunft

"München erlebte Ende der sechziger Jahre einen gigantischen Modernisierungsschub. Die Olympischen Spiele standen bevor, und im Zug des U-Bahn-Baus wurde allenthalben unter der Erde aufgegraben und darüber die Modernisierungsflagge gehißt: Auf allen Bautafeln der dreifachen üblichen Größe konnte man sich über die jeweiligen Bauvorhaben und ihre Details informieren. Oben prangte jedesmal – in roten Lettern – eine Standardzeile, die Programm und Fazit verkündete: „MÜNCHEN WIRD MODERN“. Eine selbstbewußte Fortschrittparole, hundertfach über die Stadt verteilt. Eines Morgens jedoch las ein gedankenverlorener Passant in zerstreuter Wahrnehmung plötzlich einen anderen Text (er ist ihn seither nicht mehr losgeworden). Die Tafeln, die Farben, die Buchstaben – gewiß, alles war noch wie vorher. Aber der Text lautete anders. Da prangte nicht mehr die Fortschrittsparole „München wird modern“, sondern da stand plötzlich die Fäulnisprophetie: „München wird modern“ (in Moder übergehen). Die Modernisierungsparole erwies sich als Palimpsest, jetzt war das Menetekel hervorgetreten: München wird – dereinst, in absehbarer Zeit, bald, es hat schon begonnen – modern: wird sich in Fäulnis, Verwesung, Moder auflösen." 

Mit dieser Anekdote beschreibt Wolfgang Welsch in "Unsere postmoderne Moderne" (S. 178f) das Schicksal des Zeitzeugen, der einer notwendig alternden Moderne gewahr wird und deren Heilsversprechen fortan nur noch mit Skepsis begegnen kann. – Die Geburt der kritischen Theorie aus dem Geiste der überholten Technik. 
Eine ähnliche Erfahrung lässt sich derzeit wohl in Hongkong machen, wo die Neonreklame, einst Sinnbild jeglicher dystopischer Zukunftsvision schlechthin, allmählich durch neuere Techniken ersetzt wird:   


Welsch zitiert des Weiteren Walter Benjamins Bild vom Engel der Geschichte, der durch den Fortschritt vom Paradies in eine ungewisse Zukunft hineingetragen wird, "während der Trümmerhaufen vor ihm [der sich der Vergangenheit zuwendet] zum Himmel wächst". 
Beinahe will man mit Rutger Hauers sterbendem Androiden in das Klagelied über den Absturz in die Zeit einstimmen: "All those moments will be lost in time, like tears in rain..." 
   

Findige Lumpensammler ("Der Gestus des modernen Heros: vorgebildet am Lumpensammler: sein pas saccadé, die notwendige Isolierung, in der er sein Geschäft betreibt, das Interesse, das er am Abfall und am Auswurf der Großstadt nimmt." (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk)) haben jedoch längst das nostalgisch-messianische Geschäft aufgenommen, die futuristisch anmutende Vergangenheit für die Zukunft zu konservieren: NEONSIGNS.HK – "The site will remain as a lasting record and examination of Hong Kong's fast disappearing neon signs." – 

Den Bildern zur Seite sind einige Videos gestellt, darunter ein besonders gelungenes über Christopher Doyle:   



Das ästhetische Potential der nächtlichen Leuchtschriften ahnte Walter Benjamin schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts –  "Was macht zuletzt Reklame der Kritik so überlegen? Nicht was die rote elektrische Laufschrift sagt - die Feuerlache, die auf dem Asphalt sie spiegelt." (Das Passagen-Werk)

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