Freitag, 6. März 2015

Anderson Confidential II

Wenn alte Männer heute über ihre Neigungen zu Indien sprechen, wie jüngst etwa Peter Sloterdijk in der Süddeutschen, oder David Lynch, in immer neuen Graden der Absurdität, wird einem bewusst, wie die jahrelange Berichterstattung über den Status der Frauen in Indien und das allzupassende Verhalten der Yogis und Gurus allmählich ein Indienbild hat entstehen lassen, das die Hoffnungen vergangener Generationen kaum mehr nachvollziehbar macht. – Indien hat als Land der anderen Möglichkeiten jedenfalls stark an Prestige eingebüßt. 

"The Darjeeling Limited" (2007) hatte ich immer als uninteressantesten unter Wes Andersons Filmen verbucht, vor allem, weil er zum Thema Indien eigentlich gar nichts zu sagen hat, dafür aber seine blasierten Protagonisten in bunter Kulisse um sich selbst kreisen lässt. "Indien" schien hier einzustehen für colonial-chic, vor dem man seine Louis-Bags präsentieren kann, ähnlich wie in Arthur Delorts Vogue-Shooting in Kenia (ebenfalls 2007; seit diesem Jahr ist Knightley auch das offizielle Gesicht von Coco Mademoiselle). (Ginge man dieser Spur nach, würde man vermutlich unendliche Variationen der gleichen Fantasien jenseits von Afrika aufspüren können. 

Es war reiner Zufall, dass ich, nachdem ich den Film nach Jahren wieder einmal gesehen, auch den Soundtrack wieder gehört habe und bei den Bezeichnungen der Titel zum ersten mal las: "From Satyajit Ray's Film ..." 
Verfolgt man die ohrwurmtauglichste petite phrase, mit der auch der Trailer eröffnet, kommt man schließlich auf Rays "Charulata" (1964):  

   


Wes Anderson hat an anderer Stelle über die Inspiration für "The Darjeeling Limited" gesprochen und dabei vor allem drei Quellen genannt: 

My main knowledge of Indian films is Ray's films,” Anderson said, “which I learned about from renting Teen Kanya (Three Daughters) on Betamax in my video store in Houston, when I was about fifteen. I also love Jean Renoir's The River,” he said, “Ray's films, along with The River and Louis Malle's documentaries, were essentially all I knew about India. I became somewhat obsessed with the India I learned about from those films.

Martin Scorsese, der für Andersons Karriere nicht ganz unwichtig war, spricht ebenfalls immer wieder über die Rolle, die vor allem Renoirs "Le Fleuve" (1951) und die Filme von Ray für ihn (und nicht nur für ihn) gespielt haben: 



Scorsese nennt das Problem beim Namen, nämlich den Exotismus-Vorwurf – und bringt wie als Entschuldigung vor, dass er den Film schließlich als Kind gesehen habe und selbst aus einer bildungsfernen Familie mit Migrationshintergrund stammt (und zwar in jedem auf youtube auffindbaren Interview, in dem die Sprache auf Ray, bzw. Indien kommt).
Die Lösung, die offenbar schon Renoir (von indischer Seite) nahgelegt wurde, ist das einnehmen einer "westlichen Perspektive", die von der indischen Kultur und ihren Problemen überfordert ist, und sie also gar nicht thematisiert. 
Louis Malle hat ebenfalls eine westliche Perspektive (was für einen studierten Politikwissenschaftler in den späten 60er Jahren wohl eine marxistische sein musste) auf das Land gesucht, aber wohl nicht ganz im Sinne der Gastgeber, so dass die Büros der BBC in Neu Delhi nach "L'Inde fantôme: Reflexions sur un voyage" (1969) erst einmal geräumt werden mussten. (Dass Louis Malle jahrelang mit Jacques-Yves Cousteau, Vorbild für Andersons "Steve Zissou", gearbeitet hat, war mir ebenfalls neu und knüpft das Netz hier noch ein wenig enger...) 


François Truffaut hat in Bezug auf Ray wohl gesagt, dass er keinen Film über Dienstjungen sehen will, die mit ihren Händen essen. Diese Art von Haltung gegenüber dem "Fremden" klingt ebenfalls an, wenn Owen Wilsons Figur Francis in Bezug auf drei indische Kinder, die versuchen einen Fluss zu überqueren, lediglich anmerkt: "Look at these assholes!" – es gibt aber wohl kaum einen Text, der das, was darauf folgt nicht als entscheidenden Bruch markiert (an den Universitäten wird mit diesem Arschlochdilemma offenbar schon Kant erläutert) und tatsächlich wird während der gesamten Zeit, welche die drei Brüder in dem indischen Dorf, bzw. auf der Beerdigung eines der drei Kinder, verbringen, kein einziges (englisches) Wort gesprochen. Das sind, in diesem sonst ungeheuer wortreichen Film, immerhin fast fünf Minuten – die lediglich unterbrochen werden durch eine Rückblende auf die Beerdigung des Vaters (bzw. dessen Habseligkeiten), was dann doch Scorseses Worten Recht zu geben scheint, dass es trotz aller Fremdheit und Unverständnis, eben menschliche Themen gibt, die universell genug sind. – 
Man mag es billig finden, dass hier der Tod eines Kindes (auch wenn es eine Hommage an Renoir darstellen mag), als Katalysator gebraucht wird, um die Entwicklung der Brüder und damit die Handlung in Gang zu bringen, aber dennoch würde ich in das wortlose Staunen, oder Entsetzen (?) dieser Szenen keinen (Exotismus-)Verdacht hineinlegen wollen.    

Andererseits ist es so, dass sich eine Sehnsucht durch Andersons Filme zieht, die zumeist in der Kindheit entzündet wird, jedenfalls aber keinen Unterschied macht, ob das Imaginäre Reich nun in einer Bucht auf New Penzance Island, der Afrika-Ausstellung im American Museum of Natural History, in Paris, oder eben in Indien liegt. – Matt Zoller Seitz hat in seinem Video zu "Moonrise Kingdom" erläutert, dass die Kinder "really alright" wären und lediglich die "Erwachsenen" in ihrer Verzweiflung gestrandet, jedoch sind auch die Kinder bei Anderson niemals, in diesem Sinne, unbeschadet (man mag diese Behauptung an jedem beliebigen Film von ihm nachprüfen) und immer schon auf der Suche nach – nun, dem, was die Bücher, die Filme, die Imagination schon immer versprochen hat.    
(In meiner Kindheit gab es keine Cousteau-Filme im Fernsehen, dafür aber z.B. die Comics von Carl Barks, d.h. ein Bild von der Welt, das sich ein alter Mann, der die USA kaum je verlassen hat, aus den Fotografien des National Geographic zusammen imaginierte, womit er die Reiselüste von Generationen entfacht hat.) 

Ein solches Übergewicht des Möglichkeits- (gegenüber dem Wirklichkeits-)Sinn scheint verdächtiger, je älter der Träger solcher Vorstellungen ist – und provoziert geradezu, wenn das so erwachsene Kind auch noch über ausreichende monetäre Mittel verfügt, um derlei Visionen zu realisieren. "Er lebe als Modemacher nicht in der Realität, sondern in der Vorstellung. 'Und die ist manchmal besser als die Wirklichkeit'" hat Karl Lagerfeld auf der Fashion Week Paris, kurz nach Charlie Hebdo, gesagt. Und so ist es vielleicht ganz passend, dass die Melodie von Satyajit Ray den Umweg über Wes Anderson genommen und schließlich in einer Modenschau namens Paris-Bombay ("The Darjeeling Limited" schließt mit der Aufnahme von einem anderen Zug, der in ein ungewisses Indien fährt, untermalt von "Les Champs-Élysées" von Joe Dassin (Sohn von Regisseur Jules Dassin)) auftaucht, um dort unterbrochen zu werden von David Lynch, der einen "good day today" haben will...


        


Nachtrag 

Unter dem Label Lagerfeld ist im Steidl Verlag 2012 Amanda Harlechs "Travelling In India" (2012) erschienen, das seitens des Verlags in die Tradition der "British travel writers" eingereiht und mit Hester Stanhope verglichen wird. – In diesem Umfeld findet man derart fantastische Geschichten, dass sich die Frage aufdrängt, weshalb Frauen auf Abenteuerreise im Film zumeist als Männerphantasie, irgendwo zwischen Tomb Raider und "Paradies Liebe" verhandelt werden...      


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