Dienstag, 10. Februar 2015

Birdman

Comment juger – Jean-Luc Godard? 

Es ist wohl auch dem verspäteten deutschen Kinostart zu verdanken, dass sich die hiesigen Feuilletons so sehr auf die Oscar-Nominierung(en) eingeschossen haben, dass in den allermeisten Kritiken gerade noch ausreichend Raum war, neben dem Plot (ein gescheiterter Hollywoodstar, Ex-Mann und Vater versucht einen Neuanfang im High-Brow-Theater am Broadway) auf die oberste selbstreferenzielle Schicht hinzuweisen (der gescheiterte Hollywoodstar wird von einem gescheiterten Hollywoodstar gespielt). – Klar, voll aktuell, weil Marvel gerade seinen Masterplan zur totalen Blockbusterherrschaft vorgestellt hat, aber etwas wenig scheint es dann doch zu sein, den Bat- aus dem Birdman herauszulesen.  

Vielleicht könnte man "Birdman" als Konzeptfilm bezeichnen, sofern man damit meint, dass hier eine konzeptuelle Idee (einen Film so aussehen zu lassen, als würde er ohne Schnitte auskommen) so viel Präsenz hat, dass andere Elemente (wie etwa der Plot) dahinter zurücktreten. Immerhin Emmanuel Lubezkis (im Oscar-Wahn wurde auch hier vergessen, darauf hinzuweisen, dass dieser ja nicht nur für die Kamera in "Gravity" verantwortlich war, sondern auch bei den letzten vier Filmen von Terrence Malick und Cuaróns "Children of Men" – was der Kameraführung in "Birdman" dann doch einiges von ihrem Überraschungsmoment nimmt) Plansequenzen wurden als Fortführung einer Tradition beschrieben, welche spätestens mit Hitchcocks "Rope"(1948) beginnt und mit Filmen wie Sokurovs "Russian Ark" und Noés "Irreversible" (beide 2002) auch in den letzten Jahren regelmäßige Updates erfahren hat. 
An anderer Stelle wurde auch der Begriff "Backstage-Film" eingebracht, wohl weil er vor allem hinter den Kulissen einer Theaterproduktion spielt, jedoch stellt sich die Frage, wo hier Back- und wo Frontstage sind – bzw. wie viele Stages bespielt werden. Hier haben wir es noch einmal mit einer eigenständigen Tradition zu tun, deren prominentestes Beispiel wohl Fellinis "8 1/2" (1963) darstellt – sofern man keinen Unterschied zwischen der Film- und der Theaterstage macht. Spezifisch für das Theater würden sich wohl Vergleiche mit Jacques Rivettes "Out1 - Noli me tangere" (1971) und Charlie Kaufmans "Synecdoche, New York" (2008) anbieten. – Im Vergleich zu letzterem ist es geradezu spektakulär, welche Aufmerksamkeit "Birdman" derzeit erfährt. 


Ich möchte hier allerdings einer anderen Spur folgen: Ausgerechnet in "Die Welt" findet sich der einzige deutschsprachige Artikel, welcher den Link zu Godard wenigstens erwähnt – bleibt aber dennoch weit hinter seinem ungleich hellsichtigeren amerikanischen Pendant zurück. Aber auch dieser kommt kaum über die Feststellung hinaus, dass die Titelsequenz von "Birdman" ziemlich direkt die von Godards "Pierrot le Fou" (1965) zitiert und irgendwie in Sachen Selbstreferentialität beim französischen Vorbild gelernt hat.   

Neben dem Fehlen sichtbarer Schnitte gibt es noch ein weiteres Element, welches an der formalen Oberfläche kaum zu überhören ist, nämlich der Soundtrack, welcher die meiste Zeit lediglich aus Percussion besteht und eine gewissermaßen eigenständige, ironisch kommentierende Funktion einnimmt (darin weist "Birdman" nun wiederum Ähnlichkeiten zu Paul-Thomas Andersons "Punch-Drunk Love" (2002) auf). Spätestens, wenn im Bild das visuelle Korrelat erscheint – ein Schlagzeuger, der hinter den Kulissen einsam, aber unermüdlich vor sich hin trommelt –, bzw. sich ein Off-Kommentator einschaltet, der sich kurz darauf als Bewerber um eine Rolle im Theaterstück des Protagonisten zu erkennen gibt, ist klar, dass der Verweis auf Godard doch etwas tiefer in die Struktur von Iñárritus Film blicken lässt. 
Der Kürze halber sei an dieser Stelle lediglich auf "Weekend" (1967) und "Sauve qui peut (la vie(1980) hingewiesen, welche nicht nur quälend lange Plansequenzen enthalten, sondern ebenfalls den Ton mit ins Bild (und wer sagt, dass das Primat auf dem Visuellen liegen muss?) holen. 

"Der Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde und jeder Schnitt ist eine Lüge" – Das hat Godard nie gesagt, sondern es ist ein Zitat aus "Le Petit Soldat" (1960), welches (offensichtlich) grundsätzlich zweigeteilt wird (ich habe jedenfalls keine Quelle gefunden, der diese Teilung nicht widerfahren ist) – meistens wird die erste Hälfte zitiert, in Bezug auf "Birdman" schien sich jedoch die Bemerkung über den Schnitt anzubieten. 
   
Jean-Pierre Léaud erklärt in "La Chinoise" (1967), was es mit der "Wahrheit" auf sich hat, die hier gemeint ist: la vrai théâtre.   



                                       
       



Das Verschwimmen, oder besser: das Schillern der Ebenen lässt sich sehr schön an einem Beispiel aus David Lynchs "Mulholland Drive" (ist es wirklich Zufall, dass Naomi Watts in Birdman wieder eine Schauspielerin spielt, die gerade frisch nicht in Hollywood, sondern am Broadway angekommen ist?) beobachten:


Die entsprechenden Clips sind noch nicht auf Youtube angekommen, jedoch spielt Iñárritu in Birdman ebenfalls mit dieser Vervielfaltung, etwa bei Edward Nortons "Casting", die dazu führt, dass man das Gefühl hat, "echter Schauspielkunst" beizuwohnen – wobei es nicht so zu sein scheint, dass das nicht-markierte Schauspiel schlicht zur bloßen Rahmenrealität abgedimmt wird, sondern das ausgestellte Schauspiel wird vielmehr in seiner Wirkung potenziert. 

Oder in anderen Worten, ebenfalls aus "La Chinoise: 
"Die Kunst reproduziert niemals das Sichtbare. 
Sie schafft das Sichtbare."
"Ja, aber der ästhetische Eindruck ist doch imaginär?"
"Ja, aber dieses Imaginäre ist niemals eine Reflektion der Realität. Es ist die Realität dieser Reflektion."  

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