25. 3. 85 Die Kiefer-Ausstellung. Diese sogenannten Bilder. Natürlich ist das keine Malerei, und indem ihnen dieses Wesentliche fehlt, mögen sie erstmal die schockierende Faszination des Makabren haben, aber spätestens danach teilen die 'Bilder' mit, was sie statt dessen haben: formloser, amorpher Schmutz als gefrorene breiige Kruste, ekelerregender Dreck, illusionistisch einen Naturalismus erzeugend, der graphisch wirkungsvoll bestenfalls die Qualität von effektvoller Theatermalerei hat. Das Ganze kann mit Pathos und zweifelsfreier Selbstsicherheit vorgetragen werden, weil es inhaltlich, literarisch motiviert ist, ein Klumpen Dreck steht für dieses, ein anderer für jenes wild aus der Geschichtskiste gegriffene Bröckchen, sich den Umstand zunutze machen, daß alles, solange eine Definition vermieden wird, zur Assoziation taugt – ich habe ja nur Angst, daß ich genauso schlecht male.
Schaut man sich in diesem Zusammenhang die beiden auf Youtube verfügbaren Dokumentationen (es gibt freilich noch Gerhard Richter Painting (2011) und Over Your Cities Grass Will Grow (2011) – merkwürdig eigentlich, dass es dazu keine vergleichende Kritik gab) über Richter und Kiefer an, könnte man auf die Idee kommen, es wäre einen Versuch wert, hier einen fiktiven Bruderkrieg zu inszenieren – einen Roman vielleicht, in dem es letzten Endes um die Suche nach einer adäquaten Haltung zur Kunst, wenn nicht gar zur Kultur überhaupt, nach dem Krieg geht.Vergleicht man die Ateliers – in einem fiktiven Kontext, dürfte man sich für solche biographischen (?) Details hemmungslos interessieren – der beiden Künstler, liegt eigentlich schon die ganze Kulisse vor, die man für seine Inszenierung bräuchte. Kiefers Ateliers sind ein Vergnügungspark für Anhänger jeglichen KZ- und Trümmerkitsches, riesige Anlagen, ausgestattet mit einem verglasten Swimmingpool, in dem sich der Künstler, beim verschieben schwimmender Styroporruinen, im knappen Höschen zeigt (nach etwa 1 Stunde Laufzeit). Höhepunkt des Theaters ist sicher, als das Anwesen mit aschfarbenen Blümchen für potentielle Kunstkäufer aufgehübscht wird, die dann, inmitten Kieferscher Kulisse, dem Querflötenspiel zu lauschen haben. – Richters ebenfalls selbstentworfenes Künstlerhaus ("Das war eine Art Liebhaberei, eine Neigung zum Basteln und Bauen. (...) Ich hatte mehrere Modelle gebaut. Für die Details und für die gesamte Umsetzung brauchte ich schon einen Architekten, der mir zeigt, wie etwas aussieht, was ich suche. Darin liegt der Unterschied zu Wittgenstein, der alles entworfen hat, bis zu den letzten Leisten und Schrauben. Zu dieser unbedingten Extremform von Baulust habe ich gar keine Neigung." (Gerhard Richter im Interview mit Hans Ulrich Olbrist, 2006) ) ist, als wären die Gegensätze von einem Setdesigner entworfen worden, freilich komplett in Weißenhofweiß gehalten und wenn seine Kinder zu sehen sind, so spielen sie nicht in den Kindheitsfantasien des Vaters, sondern sitzen brav symmetrisch auf den Designklassikern von Charles Eames.
Kiefers erster relevanter Auftritt – der auch im Film thematisiert wird –, war die Aktion "Besetzungen", die im wesentlichen darin bestand, dass er sich auf Europareise bei der Ausführung des Hitlergrußes fotografierte. – Richter hat, nachdem er die DDR verlassen hat, seine Karriere in Westdeutschland mit dem abmalen von Fotos begonnen ("1962 fand ich den ersten Ausweg; indem ich Fotos abmalte, war ich enthoben, mir das Sujet zu wählen, zu konstruieren. Zwar mußte ich die Photos auswählen, aber das konnte ich in einer Weise tun, die das Bekenntnis zum Sujet vermied, also mit Motiven, die wenig Image hatten oder unzeitgemäß waren." (Gerhard Richter, 12.10.86)) – der eine wollte mitten hinein in die Vergangenheit, schmerzhaft darin herumwühlen, der andere einen radikalen Neuanfang, ohne jegliche Reste von Ideologie.
Werkintern kann man diese Gegensätze z.B. an "Wege der Weltweisheit: Die Hermannsschlacht" bzw. "48 Porträts" beobachten. (MA: Da gibt es ein Bild von Kiefer, Hermannsschlacht, und das scheint mir sehr nahe dran zu sein. Es sieht so aus, als hätte er Deine Bildserie angeschaut. Wieder dieses Monochrome, Grau, Schwarz und Weiß, und es enthält ganze Portrait-Folgen seiner persönlichen Helden. GR: Du sagtest, seine persönlichen Helden, und das hat mit mir nichts zu tun. Er hat eine Richtung und eine Ideologie angezeigt, aber ich nicht, ich gestalte das Gegenteil von Richtung, ich will zerstören." Gerhard Richter im Gespräch mit Michael Archer, 1988))
Werkintern kann man diese Gegensätze z.B. an "Wege der Weltweisheit: Die Hermannsschlacht" bzw. "48 Porträts" beobachten. (MA: Da gibt es ein Bild von Kiefer, Hermannsschlacht, und das scheint mir sehr nahe dran zu sein. Es sieht so aus, als hätte er Deine Bildserie angeschaut. Wieder dieses Monochrome, Grau, Schwarz und Weiß, und es enthält ganze Portrait-Folgen seiner persönlichen Helden. GR: Du sagtest, seine persönlichen Helden, und das hat mit mir nichts zu tun. Er hat eine Richtung und eine Ideologie angezeigt, aber ich nicht, ich gestalte das Gegenteil von Richtung, ich will zerstören." Gerhard Richter im Gespräch mit Michael Archer, 1988))
Würde man beide auf ein Bekenntnis festlegen wollen, böten sich die folgenden beiden an:
Wenn ich sage, ich gehe von der Form aus, und ich möchte, dass sich der Inhalt aus der Form entwickelt (und nicht umgekehrt für eine literarische Idee eine Form gefunden wird), dann entspricht das meiner Überzeugung, dass die Form, also der Zusammenhang von Formelementen, also die Struktur des Erscheinungsbildes von Materie (=Form), dass das einen Inhalt erzeugt und dass ich die Entstehung des Erscheinungsbildes steuern kann, um damit diesen oder jenen Inhalt zu erhalten.
Ich muss nur im Sinne der Gesetzlichkeiten, Bedingungen der Form handeln, um eine richtige Materialisation zu erzeugen.
Zum einen werde ich bei diesem Bemühen von der Musik unterstützt (Schönberg und jede andere reine Musik entwickelt sich aus ihren Eigengesetzlichkeiten und nicht aus dem Bemühen, für eine bestimmte Aussage eine Form zu finden), und zum anderen finde ich die wesentliche Bestätigung in der Natur, die materielle Veränderungen hervorbringt ohne inhaltliche Absicht (oder Ursache), sondern aus den eigenen Bedingungen heraus diese oder jene Gestalt annimmt; je komplizierter sie das tut, desto brauchbarer sind ihre 'Inhalte', sind ihre Eigenschaften, ihre Fähigkeiten. Die Frage nach dem Inhalt ist also Quatsch, d.h. Es gibt überhaupt nur Form. Es gibt nur 'etwas', es gibt nur, was es gibt.
(Gerhard Richter, 18. 3. 1986)
(Anselm Kiefer, 3. 3. 2005)
Man kann in der Dokumentation auch schön sehen, wann (spätestens) die Kiefersche Recyclingmaschine das immer gleiche Material zu oft durchgearbeitet hat und in das Produzieren von Kitsch verfällt – nämlich als er die Photographien der "Besetzungen" noch einmal großformatig auf Blei aufzieht (17:50). Das mag als Material noch so giftig sein, zu einem Zeitpunkt, wo es bereits so sehr zum "Markenzeichen" Kiefers geworden war, ist das Resultat ein reines Selbstzitat, das zu dekorativ, zu etabliert ist, um irgendwie an die Relevanz der ursprünglichen Aktion anknüpfen zu können.
Nachtrag